Queer as Folk - Episode 4.13

Nach Unten

Brian und Justin liegen des Nachts still im Bett, kein Lüftchen regt sich – doch Brian liegt wach im Bett. Nach einem prüfenden Blick rüber zu Justin steht Brian jedoch auf und schleicht lautlos ins Bad. Da öffnen sich auf einmal Justins blaue Augen. Sie schauen Brian hinterher – doch schließen sich nach einem nachdenklichen Blick schnell wieder als Brian das Bad, das Schlafzimmer und das Loft verlässt. Zur Musik und dem Blickwinkel eines alten Schwarz-Weiß Krimis läuft Brian durch eine rauchige Gasse der Liberty Avenue. Aber er ist nicht allein! Eine dunkle Gestalt folgt ihm heimlich – Justin! Was um Gottes Willen tun die da eigentlich? Brian wandert durch die dunklen Straßen und... zum Trainingsraum mit den Spinning Rädern.
Als Justin eintritt, sitzt Brian bereits in Sportkleidung auf dem Spinning Rad und tritt ordentlich in die Pedale - um 2:15 Uhr morgens. „Was zum Teufel machst du denn hier?“, fragt Brian. „Nachschauen, wohin du die letzten paar Wochen jede Nacht verschwunden bist“, antwortet Justin, und kann immer noch nicht glauben, dass Brian am Liberty Ride teilnehmen möchte. Doch scheint es ihm nicht mehr ganz so viel auszumachen... zumindest, als Brian ihm sagt, dass nur weil Justin und der Rest ihn disqualifiziert haben er selbst das noch lange nicht tut. „Wir machen uns doch nur Sorgen“, versucht Justin zu erklären. „So viele arme Kinder unter dem Existenzminimum, die jeden Abend hungrig ins Bett gehen, macht euch Sorgen um sie.“ Und selbst wenn er kläglich versagen sollte... „Du wirst nicht kläglich versagen. Du wirst einen riesen scheiß Erfolg haben, wie jedes Mal“, versichert ihm Justin, während er seine Jacke auszieht und dann Brians Gesicht mit einem Handtuch abtupft, „wenn wir zusammen am Liberty Ride teilnehmen und heißen, leidenschaftlichen Sex unter dem Sternenhimmel haben werden.“ Langsam öffnet er den Reißverschluss seiner hastig übergeworfenen Sweatshirtjacke, und sein nackter Oberkörper kommt zum Vorschein. „Was zur Hölle machst du da?“, fragt Brian misstrauisch. „Ich habe gehört, man solle sich beim Training sein Ziel immer vor Augen halten... .“ Brian grinst, stellt sich auf, Justin hebt sich vorne auf das Fahrrad und sie küssen sich, das Tempo nicht verringernd, und—neue Szene. Na toll.

In der offiziellen Trainingsstunde geben Michael, Hunter, Ben, Ted und viele Fremde noch einmal alles, dann ist Auslauf angesagt. Ben meint, sie seien doch alle gut trainiert, aber Michael bezweifelt, dass sein Hintern das aushält. „Ich hatte bisher noch nie Grund mich zu beschweren.“, grinst Ben, doch Michael keucht nur zurück „Du hast ihn ja auch noch nie für 350 Meilen geritten!“„Vielleicht kannst du dir ja nachher einen neuen bestellen, wenn der alte nicht mehr funktioniert“, antwortet Hunter lachend, und Michael kündigt an, Hunter würde seinem „alten Teil“ höchstens dabei zusehen, wie es vor ihm über die Zielgerade rast (Ein vor Fett triefendes Abendessen ist schon eine gute Motivation!). „Das ist kein Rennen. Jeder der teilnimmt, ist ein Gewinner.“ Ach, guter alter Zen-Ben.
Ted überhört währenddessen eine Unterhaltung zwischen zwei Männern, die einige Fahrräder weiter sitzen. Sie reden darüber, wie viele heiße Kerle mal wieder dabei sein würden. „Bringst du auch etwas mit, das mit ‚C’ beginnt?“ „Du kennst mich doch, ich geh’ nie ohne aus dem Haus.“ Ted schluckt. Oh oh.

Tannis und Philipp besprechen mit Mel die Eröffnungszeremonie des Liberty Rides und bedauern sehr, dass Melanie nicht dabei sei kann – die offenbar auch schon wahnsinnig wird. Als die beiden gehen verabschiedet sich auch Lindsay, sie möchte mit Gus in den Park gehen, er kann die frische Luft gebrauchen. „Das Gefühl kenn ich“, murmelt Mel. „Kann ich dir noch etwas bringen?“ Anscheinend kann Lindsay Melanie eine ganze Menge bringen: „Tee, Pfirsiche Joogurt, Kekse. Ach, und wenn du dabei bist, meinen Strickjacke, es ist hier ein wenig kalt. Und noch eine Decke und ein festeres Kissen und wenn du gerade draußen bist, ich brauche diese Sachen hier aus der Apotheke.“ Sie reicht Linds eine Liste, die sie ihr ungeduldig aus der Hand reißt. „Was?! Ich kann mich nun mal nicht bewegen.“ „Deswegen musst du mich nicht behandeln wie das Hausmädchen – was noch besser wäre, dann würde ich bezahlt werden!“ „Es ist auch dein Kind!“ „Das gibt dir nicht das Recht, mich herumzukommandieren.“ „Du hast Nerven, über ‚Recht‘ zu sprechen. Du hattest nicht das Recht—“ „Okay, okay!“ sagt Linds etwas zu laut – und gibt auf, mit vor Wut unterdrückter Stimme: „Ich werde tun, was auch immer du willst. Aber lass und bitte sofort damit aufhören! Sofort!“

Das sonnige Kalifornien scheint hinein in Michaels Comicladen: Brett Keller telefoniert mit Michael und Justin; um den Film zu realisieren brauchen sie die Unterstützung eines Studios, und um die zu überzeugen, dass RAGE so am Besten ist, wie er ist, würde Brett gerne einen von ihnen dabei haben. „Am liebsten Justin. Nimm’s nicht persönlich, Michael, aber die Studio-Fuzzis verstehen eher Bilder als Wörter.“ „Was auch immer gut für das Projekt ist.“ Michael scheint es wirklich nicht zu stören. „Das wäre dann am Donnerstag.“ Justin fand die Idee bis gerade eben toll – „aber was ist mit dem Liberty Ride?“, fragt er nun Michael, doch der sagt Brett nur schnell, Justin würde da sein. Brett legt auf, nachdem er versichert hat, das E-Ticket sei schon auf dem Weg. „Du gehst nach L.A!!“ „Aber ich habe ein Versprechen gegeben. Ich habe Geld gesammelt, Sponsoren aufgetrieben!“ „Wenn das Projekt verwirklicht wird, kannst du ihnen einen Millionen Dollar spenden!“ Es ist gut, dass Carl in diesem Moment eintritt und Justin bittet, sie zu entschuldigen, denn das unterbricht die Diskussion. Als Justin gegangen ist isst Michael seelenruhig sein Sandwich weiter. „Wie geht’s dir, Carl?“ „Nicht so, mein Magen fühlt sich nicht gut an. Wegen deiner Mutter.“ Oh. „Du weißt, wir haben in letzter Zeit viel zusammen gemacht. Aber es kann so nicht weiter gehen.“ Michael lässt erschrocken sein Sandwich sinken: „Jetzt geht’s meinem Magen nicht mehr so gut.“ Carl versichert hastig, es sei ja nicht so, als würde er nicht gerne mit Debbie zusammen sein... aber er brauche jemanden in seinem Leben, der ihn zum Lachen bringt, jemand, mit dem er alles teilen kann. „Ich bin schon vergeben, Carl.“ Doch Carl rückt lächelnd mit seinem Anliegen raus: „Deswegen möchte ich deine Mutter heiraten.“ Die Stille, die sich über den Raum senkt, ist unerträglich. Carl und Michael sehen sich eine lange Zeit nur an, bis Carl hinzufügt, nur vorher hätte er gerne Michaels Segen. „Du bittest um viel. Normalerweise verlange ich Referenzen für die letzten drei Jahre und die Polizeiakte. Aber in deinem Fall...“, Michael steht auf, „...möchte ich nur, dass du mir versprichst, gut zu ihr zu sein.“ Mit derselben Ernsthaftigkeit antwortet Carl: „Ich gebe dir mein Wort.“ Die beiden Männer schütteln sich die Hand, und Carl drückt Michaels gerührt mit seinen beiden.

Lindsay und Brian holen Gus gemeinsam im Kindergarten ab: Umgeben von schreienden kleinen Blagen erzählt Lindsay ihrem Freund, dass sie es einfach nicht mehr aushält: „Ich bin ihr emotionales Boxsack! Und ich stehe da einfach nur rum und lass es über mich ergehen.“ Sie glaubt eben immer noch an Loyalität, an Selbstbeherrschung, auch wenn sie ihre eigenen Erwartungen nicht erfüllen könne. „Sag das doch Melanie.“ „Sie will mir nicht zuhören. Sie denkt, weil Sam mich gefickt hat, bin ich keine Lesbe mehr.“ „Du weißt doch, wie kleinkariert Mel ist.“ „Brian!“ Aber der zuckt nur mit den Schultern, was will sie, dass er sagt? Wenn es vorbei ist, dann solle sie gehen. „Das geht nicht so einfach. Was ist mit Gus? Was ist mit dem neuen Kind?“ „Nur wegen den Kindern zusammen zu bleiben ist eine armselige Ausrede – das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.“ Da kommt auch schon Gus tapsend angerannt und lässt sich vergnügt von seinem Dad auf den Schoß heben, Linds sieht dem Moment gerührt-schmerzerfüllt zu.

Debbie packt eilig, rattert laut all das herunter, was sie braucht wärend Carl die kleine, rote Schatulle mit dem Ring ein letztes mal checkt und in sein Jackentasche Steckt. Carl rückt noch seine Krawatte zurecht, da drückt Debbie dem überwältigten Carl all die Klamotten in die Hand. „Debbie...“ „Ich weiß, Carl, dass wir eigentlich ein paar Tage Urlaub machen wollten, aber...“, sie läuft verstört irgendetwas suchend im Zimmer herum, „...das hier ist für das Hospiz, wie könnte ich da nicht helfen?“ „Du hast ein großes Herz, deswegen liebe ich dich ja auch.“ Debbie lacht: „Ja, wir können ja in unseren Flitterwochen immer noch wegfahren.“ „Flitterwochen?!“, entsetzt schaut Carl sie an, aber sie lacht nur lauter: „Das war doch nur ein Witz, du und ich, Flitterwochen, ha!“ Für einen Moment sieht Carl sehr mutlos aus; dann bittet ihn Debbie jedoch, ihr zu sagen, weswegen er eigentlich gekommen ist. Kaum hat er jedoch angefangen, springt sie schon wieder auf, sie brauch ein paar Ohrenschützer, außerdem klingelt es auch an der Tür. Trotzdem möchte sie ihm noch einmal zu hören, da klingelt es schon wieder... und Carl begnügt sich mit einem „schnall dich an.“ Emmett hastet stattdessen gutgelaunt zur Tür: Es ist Ted, der ihm einen Briefumschlag überreicht, in dem sich das Geld befindet, das er Emmett noch zurückzahlen musste. Das, welches er von Gus’ Konto stahl. „Danke, Teddy“, antwortet Emmett leise, und gerührt. „Dafür, dass du es durchgezogen hast. Du hast dich wirklich gemacht – und jetzt geht es ja bald sogar noch weiter! Nach Toronto, und wieder zurück.“ „Ach, na ja... ich habe mich entschlossen, nicht am Liberty Ride teilzunehmen.“ Emmett schaut ihn erstaunt, und auch bedrückt an: „Du hast seit Wochen trainiert!“ Aber Ted möchte nicht gehen... Brian mit der ganzen Arbeit allein zu lassen, seine ganzen neuen Pflanzen... und wenn er dort jemanden mit Drogen trifft, was dann? Wen soll er anrufen, zu wem soll er gehen? Seine Selbsthilfegruppen und Therapien sind alle in Pittsburgh. Nein. „Ich kann nicht riskieren, wieder zu ‚dieser’ Person zu werden.“

Hunter verabschiedet sich, um mit seinem neuen Fahrrad eine Runde zu drehen, als Michael von der Arbeit zurückkommt, Ben küsst ihn und fragt scherzhaft: „Wie war dein Tag, Schatz?“ „Mal sehen... ich habe die nächste Ausgabe von RAGE fertig bekommen... 600 Dollar über den Verkauf im Internet eingenommen... oh und Carl Horvath hat bei mir um die Hand meiner Mutter angehalten.“ In einem Ton, als würde das jeden Tag passieren. Ben braucht eine Sekunde um das zu verarbeiten. „…Was? … und hast du sie ihm gegeben?“ „Jeden einzelnen Finger. Das machen Leute doch immerhin, wenn sie sich lieben, sie heiraten, oder?“ Ben schaut ihm nachdenklich hinterher... ja... sie heiraten... .

Als Brian das Loft betritt bietet sich ihm ein ungewöhnliches Bild: Justin steht vor ihrem Bett, worauf ein aufgebautes Zelt ruht. Justin packt. Zelt, Schlafsäcke, Kleidung, Flickzeug, Erste-Hilfe-Kasten, Dildo... „Du hast ja an alles gedacht. Aber wozu wirst du es brauchen, wenn du in einer Villa schläfst?“ Michael hat Brian von Brett Kellers Einladung erzählt. „Ich habe nie gesagt, dass ich gehen werde. Wir nehmen am Liberty Ride teil, wie geplant.“ Doch plötzlich will Brian gar nicht mehr teilnehmen: „Du hast Recht. Ich werde es einfach nicht schaffen.“ „Was für ein Haufen Scheiße! Du sagst das nur, damit ich nach Hollywood gehe.“ Brian zuckt bloß mit den Schultern, als er die Dusche anstellt: „Du kannst ja ohne mich mitfahren. Deine Zukunft opfern – das nenne ich Wohltätigkeit.“

Michael gibt, an Melanies Bett sitzend, den beiden Frauen seine Handynummer... und Bens Handynummer... und Hunters Handynummer... und die Telefonnummer des Hotels, in dem sie in Toronto übernachten werden! „Vielleicht sollte ich einfach hier bleiben.“ „Michael! Das Kind wird erst in ein paar Wochen zur Welt kommen.“ „Was, wenn etwas passiert?“ „Es wird nichts passieren, also geh und hab eine gute Zeit!“ Mel und Linds küssen ihn auf den Mund. „Wir lieben dich. Und jetzt verpiss dich.“ Er jedoch sieht sie beide nur lange an: „So ein glückliches Kind, dass es in solch eine warme und liebevolle Familie hineingeboren wird.“ Nachdem er gegangen ist setzt Lindsay sich weiter von Melanie weg und die die beiden schweigen, sich nicht eines Blickes würdigend.

Im Diner packen Debbie und Emmett hunderte von Lunch-Boxen. „Es ist zu blöd, dass Ted jetzt doch nicht teilnimmt“, regt sie sich auf, „der Sieg hätte ihm gut getan.“ „Ja. Leider ist er genauso so süchtig nach seinen Gruppen wie er es nach Crystal war.“ „Zu blöd, dass er die Gruppen nicht mitnehmen kann“, meint Debbie, gerade als Carl eintritt, um mit ihr zu reden. „Carl, ich steck bis zum Hals in hart gekochten Einert, kann das nicht warten?“ Er holt einmal tief Luft, dann küsst er sich lächelnd: „Natürlich. Wir reden, wenn du wieder da bist.“

„Lupeeee. Lupeeeee! Kooooomm Puss-Puss!“ Ted kniet vor seinem Schrank und redet und Pfeift mit süßer Stimme in die Dunkelheit als Em vollbepackt mit Einkaufstüte die Wohnung betritt. Verwirrt schaut Emmett zu Ted. „Deine Putzfrau wird nie aus dem Schrank kommen, wenn du so mit ihr redest.“ Doch Ted erklärt ihm Lupe ist seine Katze. Er wollte war warmes und schnurrendes zuhause haben, doch die Katze ist direkt ins Schlafzimmer und in den Schrank verschwunden. Em findet aber, Ted sollte jetzt erst mal seinen Konsumwahn bewundern: Fahrradanzüge in allen Farben des Regenbogens, für jeden Tag ein anderes Ensemble. „Das ist wirklich nett von dir... und extravagant... aber ich sagte dir doch bereits, ich werde nicht teilnehmen.“ „Wer sagt denn, dass es für dich ist? Sie sind für mich!“ „...ich dachte du hast Arbeit.“ „Die Bushes müssen ihr nächstes Staats-Dinner wohl ohne mich ausrichten.“ „...du hattest doch das Geld für die Anmeldegebühr gar nicht.“ „Ein sehr guter Freund hat mir etwas zurückbezahlt.“ „.......du hast Angst, von einem Bären gefressen zu werden!“ Emmett lacht. Er würde sich seinen dunkelsten Ängsten stellen, damit Ted einen Freund dabei hat. Jemanden, der ihm bei jeder Krise, klein oder groß, beisteht. „Das würdest du für mich tun?“ „Ich glaube an dich, Teddy. Trotz allem... und ich will, dass du es schaffst.“

Tannis und Philipp halten gemeinsam mit den Drag-Queen Cheerleadern die Abschlussrede, während Debbie ihre Lunch-Boxen verteilt und auch Melanie und Brian tauchen auf, um auf Wiedersehen zu sagen! Michael fährt Melanie wütend an, aber die lässt sich nicht beeindrucken. Brian verteilt noch ein paar gute Ratschläge. „Ich find’s schade, dass du nicht mit uns fahren kannst“, antwortet Michael. Emmett tritt Debbie eine Weile später vor dem Bus, der die erste Ladung Fahrer an den Startpunkt, nämlich Toronto!, bringen soll – anscheinend ist Ted nicht gekommen. „Ich dachte, ich hätte ihn umgestimmt... .“ Alle sind eingestiegen, da kommt Carl noch einmal und fällt Debbie in die Arme, die jedoch in den Bus gescheucht wird. Aber so kann er sie doch nicht fahren lassen! Er ruft durch die geschlossene Bustür hindurch: „Ich habe die letzten zwei Tage versucht dich zu fragen! Willst du mich heiraten?!“ Die Türen öffnen sich wieder, und Debbie sieht ihn entgeistert an: „...was?“ „Heirate mich.“ Debbie tritt zu ihm hinunter auf die Straße, wohl zum ersten Mal in ihrem Leben weiß sie nicht, was sie sagen soll. „Willst du mich heiraten?“, wiederholt Carl, und Michael ruft aus dem Busfenster: „Sag ja und steig ein!“ Und natürlich sagt Debbie es: „Ja!“ Sie küssen sich, aber das ist ja nicht alles! Er zückt auch einen Ring, einen wunderschönen Ring, und steckt diesen an Debbies Finger. Sie ist immer noch mit Stummheit geschlagen, starrt einfach nur auf den Ring, dann zu Carl, und küsst ihn noch einmal, bevor sie wieder in den Bus steigt, immer wieder ein Abschiedswort murmelnd, sie kann die Augen nicht von Carl lassen, während der Bus in Applaus ausbricht.
Da fährt auf einmal ein Taxi vor! Ted springt heraus, zerrt Gepäck und Fahrrad aus dem Kofferraum, aber da ist der Bus schon los gefahren, „Halt!“, schreit Ted und beginnt zu rennen, um sich vor den Bus zu werfen, „halten Sie den befickten Bus an!“, ruft auch Emmett, und die Türen werden noch einmal für Ted geöffnet, der sein Fahrrad schnell einem Packer in die Hand gedrückt hat. „Ich hab’s geschafft!“, sagt er zu Emmett völlig außer Atem, der nur lächelnd antwortet: „Das wusste ich.“

Als Melanie zurückkommt, kommt eine wutentbrannte Lindsay aus der Küche und schmeißt den Telefonhörer auf das Bett: „WO ZUM TEUFEL WARST DU?!“ Sie war krank vor Sorge, wollte schon das Krankenhaus, die Polizei, die Leichenhalle anrufen! Wie konnte Mel gehen, obwohl ALLE, auch Lindsay, ihr gesagt haben, dass sie bleiben soll?! Um Linds wütend zu machen?? „Ach ja, Schatz, du denkst wie immer, dass es hier um dich ginge. Aber das tut es nicht. Es geht um mich. Ich wäre wahnsinnig geworden, wenn ich noch eine Minute länger in diesem Haus mit dir hätte verbringen müssen!“ Melanie spricht die ganze Zeit über ruhig, nur den letzten Satz hat sich geschrien. Dann jedoch kehrt sofort wieder Stille ein: „Also bin ich gegangen. Für zehn Minuten. Okay, 30 Minuten. Und hier bin ich wieder. Lebendig und in einem Stück. Was für ein Wunder.“ Und Lindsay... Lindsay hört ebenfalls auf, zu schreien. Sie dreht sich um. Geht niedergeschlagen zu Tür. Die Stille ist bedrückend. Und als sie sich wieder zu Melanie umdreht, sieht man ihr an, was in ihr vorgeht. Sie gibt auf. Ihre Stimme ist müde, erschöpft. „Wir können so nicht weiter machen. Du kannst mir einfach nicht vergeben. Egal, wie oft ich mich entschuldige, wie sehr ich versuche, es wieder gut zu machen. Und langsam merke ich, dass es mir gleichgültig wird. Ich meine, wie oft kann man schon von jemandem zurück gewiesen werden, bis man einfach aufgibt?“ Melanie verschränkt die Arme: „Was willst du mir sagen?“ „Ich glaube, dass es besser ist, für Gus, für uns, für das neue Kind... wenn wir nicht zusammen sind.“ Mel schweigt kurz, dann antwortet sie, immer noch seelenruhig: „Du hast Recht.“ Lindsay holt tief Luft: „Ich werde bleiben, bis das Kind geboren wurde.“ Mehr muss nicht gesagt werden. Mehr wird auch nicht gesagt und Lindsay verlässt den Raum.

Debbie zeigt dem ganzen Bus ihren Ring – „wie oft vermählt man sich schon?! Wenn ein Mann dir einen Ring gibt“, sagt sie zu ihrem Sohn, „dann ist das etwas Besonderes, etwas Bedeutsames!“ „Da habe ich keine Ahnung von“, gesteht Michael grinsend, aber Ben hat da noch etwas in petto: „Dann ist es an der Zeit, dass du es herausfindest.“ „Dass ich was herausfinde?“ Ben setzt sich so, dass er in Michaels Gesicht sehen kann: „Michael Novotny. Du bist der Mann, den ich mein Leben lang gesucht habe. Und ich habe so ein Glück, dass ich dich gefunden habe. Deshalb frage ich dich, ob du mir die Ehre erweisen würdest, mich zu heiraten.“ Und auch er hält einen Ring in der Hand. Michaels Augen werden teller-groß. „Wir fahren nach Toronto! Da sind homosexuelle Hochzeiten nicht nur akzeptiert, sondern auch legal!“ Michael sieht noch ungläubiger aus als seine Mutter, aber eher weniger erschlagen vor Glück denn völlig überfordert: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, flüstert er beinah. „...ja wäre gut.“ Aber Michael sagt gar nichts, sondern starrt nur.

Hollywoods Geburtstagspartys sind anders: Da gibt es nicht nur einen gigantischen Kuchen, sondern auch jede Menge Drogen. Justin sieht heiß aus, und Brett Keller begrüßt ihn herzlich; er entschuldigt sich dafür, dass er Justin keine Willkommensparty schmeißen konnte, aber dies hier sei zu Ehren des Geburtstags seines Freundes Malcom, der gerade einen Oscar gewonnen hat. Er weist seinen Butler an, Justins Gepäck ins Gästehaus zu bringen, der von Hollywood immer noch ganz erschlagen scheint: Jeder sieht gut aus, Brett hat einen richtigen Butler und dieses Haus! An der Bar stellt Brett Justin einen offensichtlich berühmten Schauspieler vor: Connor James (auch Justin kennt ihn!), der völlig verrückt nach RAGE sein soll. „Was hieltest du von Connor als Rage?“, fragt Brett schmunzelnd, und Justin antwortet, das sei großartig! Connor sagt, er solle ihm ein Skript zuschicken, sobald eines da sei, dann verabschiedet er sich. „Ist Connor...?“, fragt Justin, aber Brett versichert, dass der Schauspieler hetero sei wie kaum jemand sonst. Jeden Tag eine andere Schlampe! Aber die Art wie Conner in diesem Moment einen Heeren unten auf der Party küsst, scheint Justin von was anderem zu überzeugen.

Debbie, Ted, Emmett, Ben, Michael und Hunter spazieren die Straßen Torontos entlang, die sie sehr an die Liberty Avenue erinnert, und betreten eine Bar, die sie sehr ans Woody’s erinnert – und auch Brian spaziert plötzlich zur Tür herein! Er ist hergeflogen, um am Liberty Ride teilzunehmen. Emmett hat gleich einen Gast angeschleppt, der ihm den Abend versüßen soll, schickt ihn dann jedoch wieder weg, als er Teds Gesicht sieht, der zwar versucht, zu lächeln, aber etwas unsicher scheint. Debbie sieht nur verträumt auf ihren Ring. Zwei ältere Männer erhalten gerade eine heiße Show von einem noch viel heißeren Stripper, der sie beide richtig hart ran nimmt – das sei ihr Hochzeitsgeschenk, sagt ein Typ, sie seien schon seit 32 Jahren zusammen! Michael steht auf, um nicht neben Ben sitzen zu müssen und geht an die Bar. Brian umarmt ihn von hinten, bis Michael ihm erzählt, dass Ben ihm einen Heiratsantrag gemacht hat. Brian lässt ihn los. „Aber natürlich hast du nein gesagt, weil du tief innen immer noch mich am meisten liebst.“ Michael schubst ihn spielerisch fort, „halt die Klappe. Ich habe gar nichts gesagt.“ „Also was hält dich davon ab? Abgesehen davon, dass es die armseligste Idee des Jahrhunderts ist.“ Michael weiß es offenbar selbst nicht – er habe es sich einfach niemals vorgestellt, nicht so wie Heten. Brian scheint schon beinah verstimmt, als er ungeduldig fragt, ob Michael ihm zuhören würde, und der antwortet ebenso genervt mit ja. „Wir sind schwul. Wir brauchen keinen Segen von schwanzlosen Politikern oder heuchlerischen Priestern. Wir ficken, wen auch immer wir wollen, wann wir wollen, wo wir wollen! Und das ist unser Gott gegebenes Recht!“ „Aber es ist auch unser Recht, all das zu haben, was Heten haben, denn wir sind genauso sehr Mensch wie wir“, entgegnet Michael erhitzt. Brian senkt kurz den Blick, dann lächelt er dünn: „Du bist der Schriftsteller. Schreib die Geschichte.“ Das ist offenbar alles, was Michael gebraucht hat: Er legt seine Arme um Ben, der noch immer das alte Paar anschauend sagt: „Das ist rührend, oder?“ Eine längere Pause, dann antwortet Michael: „Ja.“ Er wartet, dann wiederholt er sich: „Ja.“ Keine Reaktion. „Ben, hast du gehört, was ich gesagt habe?“ „Natürlich habe ich das, du hast...“ Er verstummt schlagartig und schaut Michael nur an... dann küssen sie sich leidenschaftlich und schließen sich in die Arme.

Brett ist gemeinsam mit Justin bei dem „Studio-Fuzzi“ – dem Executive Producer, von dem alles abhängt. Der scheint im Grunde genommen auch gar nicht abgeneigt, aber ein paar Sorgen habe er dennoch: der Preis. „Du kannst es dir leisten, ich habe dir mit meinem letzten Film 250 Millionen eingespielt!“ Aber dennoch fürchtet der Produzent, niemand würde das alles sehen wollen – Rage sei so dunkel, so deprimierend („einem Jungen, dem der Schädel eingeschlagen wird!“), und der ganze Sex... „Wenn du genug Promotion machst, und wenn es gut ist, und wenn wir einen Star engagieren, dann werden alle es sehen wollen!“ Brett Keller ist begeistert, und begeisternd, anscheinend völlig überzeugt von seiner Sache, aber der Produzent meint trotzdem noch, der Film müsse fröhlicher als das Comic sein, weniger Sex, und warum muss dieser Superheld so verdammt arrogant sein? „Entschuldigen Sie“, wirft Justin ein, „wir haben dieses Comic aus einem gewissen Grund so konzipiert, wie es nun ist: Viele Dinge, mit denen sich Schwule herumschlagen müssen, sind dunkel und deprimierend. Ich sollte es wissen, mir wurde der Schädel eingeschlagen. Und nur weil Rage sich nicht dafür entschuldigt, wer er ist und was er tut, ist er nicht arrogant, sondern ehrlich und mutig. Deswegen würden wir es bevorzugen, bei unserer Version der Geschichte zu bleiben. Was zuletzt den ganzen Sex angeht, Arschficken ist eine der größten Privilegien und besten Erlebnisse eines schwulen Mannes. Wenn Sie es noch nicht probiert haben, dann kann ich es nur wärmstens empfehlen.“ Und das alles sagt er so locker, so ehrlich, als sei er in Hollywood geboren. Brett kann sich das Lachen kaum verkneifen.

„Wir sind heute hier zusammengekommen...“
Die Hochzeit ist anders als Melanies und Lindsays. Kein Blumenschmuck, kein wunderschönes Anwesen, keine Vielzahl Gäste, keine Torte. Nur Ted und Emmett, die schluchzen, und Debbie, die gebannt zu schaut, und Brian und Hunter, Trauzeugen für Michael und Ben, die sich gegenüber stehen und sich tief in die Augen blicken. „Willst du, Michael Novotny, Ben lieben und ehren und sein treuer Ehemann sein?“ Ein Moment, gefüllt mit gespannter Erwartung, obwohl jeder die Antwort kennt: „Ja, ich will.“ Michael lächelt so überglücklich. „Und willst du, Ben Bruckner, Michael lieben und ehren und sein treuer Ehemann sein?“ Ben braucht etwas länger, sodass Hunter zischt: „Jetzt sag schon ‚ich will‘, Alter!“ Gelächter läuft durch die Reihen, aber Stille ist wieder eingetreten, als Ben sanft flüstert: „Ja, ich will.“ Hunter überreicht seinen Eltern die Ringe, die sie sich gegenseitig anstecken. „Wenn irgendjemand einen Grund kennt, warum diese beiden nicht ewig zusammen bleiben sollten, so möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen.“ Brian sieht für einen Moment so aus, als würde er etwas sagen wollen, aber Debbie verhindert das: „Wehe, du sagst auch nur ein Wort.“ „Kraft des mir verliehenen Amtes und der Provinz Ontario erkläre ich euch hiermit vor unser und des Staates taugen verheiratet.“ Dass sie sich küssen dürfen, müssen sie sich gar nicht sagen lassen. Debbie springt auf, um ihnen beiden zu gratulieren, und natürlich müssen Michael, Ben, Hunter und Brian noch Unterschriften leisten. Ted währenddessen kann gar nicht aufhören zu weinen. „Meine Güte“ schnieft Emmett „An Mel und Linds’ Hochzeit hast du fast garnicht geweint.“ „Das sind ja auch nur ein Paar Lesben, Mensch.“ Emmett lacht. „Aber es ist nicht nur wegen Ben und Michael“, gesteht Ted Emmett, „Ich frage mich nur... wenn die Dinge anders gekommen wären...“ Emmett versteht. „Komm schon... wir sind doch noch Freunde. Was bedeutet, dass wir es um einiges länger durchhalten werden als die meisten Ehen.“ Da muss Ted trotz der Tränen lachen. Und sogar Brian scheint seine Freude zu haben, als Ben und Michael Arm in Arm, lachend und überglücklich, den Raum verlassen, während sie von allen Seiten, aber vor allem von Deb, Hunter, Em, Ted und Brian mit regenbogenfarbenem Konfetti beworfen werden und das Hintergrundlied nur noch mal unterstreicht, was wir schon lange wissen: It’s a fantastic Day!.

Allesamt stehen sie an der Startlinie: Die Teilnehmer des Liberty Rides haben sich unter einem großen Banner versammelt, mit Fahrrädern, Helm und passendem Outfit! Debbie verteilt noch einmal gute Ratschläge an Michael, Hunter und Ben, und auch an Brian: „Lass es langsam angehen. Benimm dich nicht wie ein scheiß Superheld!“ „Ja, Mutter“, antwortet er pflichtbewusst und küsst ihre Wange. Und dann wird auch schon die Regenbogenflagge geschwungen und es geht los! Fahrräder über Fahrräder schlängeln sich die Straße entlang, Emmett, Brian, Ben, Ted, Michael und Hunter, alle durcheinander fahren sie ihrem Zuhause entgegen –Ben und Michael mit jeweils einem kleinen JUST MARRIED Schild an ihren Fahrrädern...



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Text & Screencaps © QaF Germany
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