Queer as Folk - Episode 4.14

Nach Unten

In Gedenken an Vic Grassi.

Der Liberty Ride ist im vollen Gange! Immer noch fahren verstreute Grüppchen über die feuchte, asphaltierten Straßen ruhig unter der scheinenden Sonne, Ted, Emmett, Hunter, Michael, Ben und Brian – noch läuft alles ganz gut. Vor dem US-amerikanischen Grenzgebäude rufen Ben und Michael Melanie und Lindsay an und erzählen ihnen aufgeregt die Neuigkeiten: „Verheiratet?!“, fragt Mel entgeistert, sie an dem einen, Linds am anderen, Gus an einem Spielzeugtelefon. Sie freuen sich ehrlich für die beiden Männer... und legen dann auf. „Legal verheiratet“, sagt Lindsay. „Zumindest in Kanada.“ „Bald auch hier.“ Mein Gott. Sie müssen beide lachen, und Lindsay setzt sich zu Melanie aufs Bett. Was lässt diese dummen Homos eigentlich glauben, dass sie es in der Ehe einfacher hätten als die armen leidenden Heten? Die einzigen, die profitieren, seien die Scheidungsanwälte! „Das ist das Gute daran, nicht legal verheiratet zu sein“, sagt Lindsay. „Dass man sich nicht scheiden lassen muss“, beendet Melanie.

Im Grenzgebäude legen Michael und Ben dem Beamten ein einziges Formular auf den Tisch. „Es hieß, dass Ehepartner ein einzelnes Formular benutzen dürfen.“ Der Beamte schaut sie fragend an. „Wir haben die Gelegenheit genutzt, und uns in Kanada legal verheiratet.“ Hunter legt von hinten je einen Arm um seine Väter: „Sie sind Ehemann und Ehemann.“ Der Beamte starrt jetzt Hunter an: „Wer ist das?“ Ben und Michael antworten gleichzeitig: „Unser Sohn.“ Der Beamte schüttelt einfach nur den Kopf: „In den vereinigten Staaten von Amerika gibt es keine Schwulenhochzeiten.“ „Ach kommen Sie, Officer“, wirft Brian vom Nebenschalter ein, „das sind doch nur zwei verrückte Jungs, die sich verliebt und geheiratet haben. Lassen Sie die beiden einfach in Ruhe.“ Aber der Beamte lässt sich nicht beirren: „Sie werden jeder ein Formular ausfüllen müssen, als Individuen.“ Auf Debbies Tirade hin, das sei doch unmöglich, die USA akzeptierten schließlich auch, dass Britney Spears im Vollsuff heiratet und sich am nächsten Morgen scheiden lässt oder wenn zwei Fremde für fünf Millionen Dollar im Fernsehen heiraten, sei das die heilige Hochzeit, die solche Arschlöcher beschützen wollten, antwortet der Beamte lediglich: „Mögen Sie geräucherten Lachs? Denn wenn Sie nicht sofort ihre Klappe halten, bleiben Sie für immer hier!“

Brett hat schon mal einige Filmplakate entwerfen lassen, Rage wird gespielt von Kutcher, von Depp, Cruise... „es fühlt sich surreal an.“ „Nicht mehr lang!“ Außerdem zeigt der Regisseur ihm einen Entwurf von Rages Lair (Wohnung und Kommandozentrale). Justin schaut es an, zögert kurz: „Es ist gut... es muss dunkler sein. Nicht dunkel-gruselig. Dunkel-sexy. Ein Ort, an dem man gefickt werden will. Das Bett muss erhöht sein, zentraler, wie ein Altar, weil es ja die sexuelle Energie ist, die den Charakter motiviert.“ „Ich hätte es selbst nicht besser sagen können.“ Da ruft gerade der verantwortliche Studioproduzent an. „Ja?“ Brett sieht ausdruckslos aus. „Wenn du das sagst. Du bist der Boss.“ Er legt auf und schaut Justin bedeutungsschwer an. „Wir haben grünes Licht!“ „Das ist ja genial!“ „Du warst genial“, betont Brett. „Du hast Hollywood mit dem einzigen konfrontiert, dass es nicht vertragen kann – Ehrlichkeit.“ Brett lädt ihn erst mal zum Essen ein – und lässt seinen Flug canceln, er fliegt erst am nächsten Tag zurück. „Du hast gerade grünes Licht für einen Film bekommen, da muss man wenigstens noch feiern!“

Der Liberty Ride macht Mittagspause in einer riesigen Scheune. Emmett setzt sich zu einem allein sitzendem und sehr niedergeschlagenen Ted: „Morgen ist mein Geburtstag“, verkündet dieser traurig. „Solange du nicht wiedergeboren wurdest, hast du im August Geburtstag.“ „Ich meine in meinem Programm. Ich bin schon seit sechs Monaten drinnen. Seit ich aus der Klinik raus bin habe ich nicht mehr so viel Zeit ohne eine Therapie verbracht. Das hier ist genau das, was ich befürchtet hatte: Ich fühle mich nervös, ängstlich... verloren.“ Debbie währenddessen verteilt fleißig Wssen, auch an Sohn und Schwiegersohn. Sie ist niedergeschlagen, weil Ben und Michael nicht als Ehepaar über die Grenze konnten – aber da kommt auch schon etwas, das ihre Stimmung hebt: Brian lässt auf einmal eine zweistöckige Hochzeitstorte servieren! „Wir sind wieder in den guten alten Staaten von Amerika! Hier kann man für Geld alles bekommen.“ Auf der Torte thronen zwei Männer in schwarzen Anzügen. Aber, das ist ja noch nicht alles! Er zieht auch eine Flasche des teuersten Champagners aus seiner Jacke, und lässt den Korken laut knallen. „Auf die Novotny-Bruckners!“, ruft er laut, die anderen Teilnehmer des Liberty Rides applaudieren. Und selbst damit hört es noch nicht auf! Eine jüdische Band tritt aus dem nirgendwo und beginnt zu spielen, Ben und Michael werden in die Mitte der Scheune gestellt und Brian zieht Debbie mit auf die Tanzfläche. Da greifen sich alle Gäste (unter anderem auch ein heißer Typ, den Brian sich gleich klar machen wird) an den Händen und tanzen im Kreis um das frisch gebackene Ehepaar herum. Die Welt ist zumindest in diesem Moment wieder in Ordnung.

Melanie und Lindsay sitzen auf Mels Bett und unterhalten sich bei Tee und Keksen darüber, wo Lindsay hinziehen wird. „Hoffentlich irgendwo in der Nähe von Gus’ Schule.“ Die Atmosphäre ist entspannt, locker, sogar ein alter Glanz der Zuneigung liegt wieder in der Luft. Sie möchten auf jeden Fall beide erst einmal die ganzen Steuersachen so lassen, wie sie sind, man müsse ja nicht alles ins Chaos stürzen. Melanie will aufstehen – sie muss zum zehntausendsten Mal ins Badezimmer und Linds will Gus ein Bad einlassen. Doch auf der Bettkante hält Mel inne. „Wie erklären wir ihm das?“, fragt Melanie. Lindsay antwortet, sie wüsste es selbst nicht: „Wir warten einfach fünfzehn Jahre, und dann wird er uns sagen, der Grund, warum es ihm so scheiße geht, sind seine verrückten Mütter.“ Beide lächeln etwas traurig und Mel greift sich die Teekanne. Wenn sie schon auf dem Weg ist, kann sie ja gleich die Kanne in die Küche bringen. Sie hört ihre Frau noch die Treppe hinauf laufen, dann hält Melanie auf einmal im Türrahmen zur Küche inne. Einen Moment zeigt Mel keine Regung - dann hört man die Kanne auf dem Boden in tausend Scherben zerspringen.

Kurz vor der Abfahrt kommt Emmett aufgeregt zu Ted: „Happy Birthday, Baby!“ „Würde es dir was ausmachen, kein Salz in die Wunde zu streuen?“, entgegnet dieser missmutig. Aber Emmett hat einen ganz anderen Plan! Emmett hält Ted eine Karte unter die Nase und erklärt, er hat einen (heißen) Mitradler, der ursprünglich hier aus der Gegend kommt, gefragt und herausgefunden: ganz in der Nähe gäbe es eine kleines (winzig, winzig, winzig kleines) Städtchen, welches jeden Tag eine Selbsthilfegruppe in der Kirche anbieten würde! Ted hält dieses „Städchen“ zwar für einen Fleck auf der Karte aber, na gut, ein bisschen Vertrauen muss sein. Emmett beschreibt, wenn sie einen kleinen Umweg dorthin machten, könnten sie durch eine direkte Verbindungsstraße wieder zur Liberty Ride Route zurückfinden! „...keine völlig idiotische Idee.“ „Danke.“, antwortet Emmett ironisch. „So habe ich das nicht gemeint – danke, Em!“ „Ich habe dir doch gesagt, dass ich für dich da sein werde.“

Michael fährt neben Brian, der sich anscheinend gut fühlt, auch wenn er dieses zweite Stück Hochzeitstorte nicht hätte essen sollen. Aber, was bleibt zu tun, wenn die Liebe seines Lebens einen anderen heiratet? Dafür ist er sehr euphorisch gestimmt: „Scheiß auf die Ärzte! Ich bin immer noch jung, ich bin immer noch wu-wu-wu-wuuuuunderschön!“ Sein Freund antwortet lachend: „Du sagst es.“ Offensichtlich, um den heißen Typen von vorhin zu beeindrucken, der neben ihnen fährt, nimmt Brian beide Hände vom Lenkrad und ruft: „Schau mal, Mikey, freihändig!“ Nur leider hat das Fahrrad ganz andere Pläne und Brian legt sich plötzlich im nächsten Gebüsch voll auf die Schnauze. Sein Fahrrad rutscht ab, über den Asphalt hinaus und Brian landet hart auf dem Boden. Ben und Michael stürmen sofort zu dem Verletzten, der sich stöhnend die Schulter hält.
Im Notarztwagen stellt der Sanitäter fest, dass Brian sich das Schlüsselbein gebrochen hat. „Und es tut scheiß weh!“ Aber die gute Nachricht ist, es sei ein sauberer Bruch, wenigstens gebe es da keine Komplikationen. „Hab ich schon mal erwähnt, dass es scheiß weh tut?“ Michael fragt, ob Brian keinen Gips bekommt, aber der Sanitäter sagt, im Moment könne nur eine Armschlinge her. „Ich bin mir sicher, dass ich erwähnt habe, dass es scheiß weh tut!“, wiederholt Brian. „Das wird dich lehren, freihändig Kerle anzumachen!“, sagt Michael erregt. Der Sanitäter verspricht ihm Schmerzmittel, außerdem eine sichere Reise nach Hause. „Wie bitte?!“ Brian traut seinen Ohren nicht. „Wir werden jetzt ein paar Röntgenaufnahmen machen und dann einen Freiwilligen finden, der Sie zurück nach Pittsburgh fährt. Tut mir Leid, Kumpel, das Abenteuer ist für Sie vorbei.“ Brian beißt sich nur die Lippen blutig vor Schmerzen, und Michael schaut ihn mitleidserregend an.

Melanie wird in einem Rollstuhl durch das Krankenhaus geschoben, Lindsay an ihrer Seite, die Hände fest ineinander verschlungen. „Ich hab mich so ausgeschlossen gefühlt, als wir Gus bekommen haben.“ „Bist du nicht dankbar, das jetzt auch erleben zu dürfen?“ „Nein!“, ruft Melanie – können die Leute hier sie nicht einfach ohnmächtig schlagen, bis das alles vorbei ist? Sie lachen beide, Melanie ist tapfer, aber ihre Angst ist offensichtlich: „Bleib bei mir, Linds, bitte, verlass mich nicht!“ Lindsay schaut Melanie an. „Und meine Theaterkarten?“ Wieder lachen sie beide, Linds legt zärtlich ihre Stirn an Melanies, die danach von der Schwester in ihr Bett gehoben wird. Lindsay setzt sich hinter ihre Frau, und da kommt schon die nächste Wehe. Mel verzieht vor Schmerz das Gesicht, doch Linds umarmt sie und spricht leise, aber ermutigend in Melanies Ohr. „Erinnere dich daran, was wir gelernt haben.“ „Kaum“, sagt Mel, die Schmerzen immer stärker werdend. „Du wirst dich wieder erinnern, hier ist dein Fokus-Punkt.“ Sie zieht Melanies Kuschelhasen hervor. „Ruhig und gleichmäßig atmen!“ Melanie umklammert den Hasen so fest, als würde sie ihm den Hals abreißen wollen. Sie atmet mit Lindsay, mithilfe Lindsays, die sanft ihr braunes Haar küsst.

Es ist Nacht und der Liberty Ride macht erneut Pause. Debbie hat nur Mitleid für Brian übrig – der Arme hat so hart gearbeitet, und jetzt ist es vorbei... . Aber viel Zeit beleibt ihr nicht, sie muss schon wieder los und den Tisch decken, für 250 Leute. Und zum Glück sieht sie auch nicht, was für ein Anblick sich Ben und Michael bietet: Brian versucht, einhändig Fahrrad zu fahren. „Das meinst du nicht ernsthaft!“ „Doch das meine ich, ernsthaft.“ „Du bist ernsthaft verletzt!“ „Könntet ihr aufhören, das Wort ‚ernsthaft‘ zu verwenden? Und mir zu sagen, was ich nicht kann?!“ Das frisch vermählte Ehepaar schweigt daraufhin, Michael hält das Fahrrad stabilisierend fest – lässt nach einem bösen Blick Brians aber wieder los – und dann fährt er fort, zu trainieren, zu trainieren, zu trainieren. Auf jeden Fall wird Brian nicht nach Hause gebracht werden! „Wir sehen uns auf der Straße, Jungs.“

Justin ist mit Brett feiern! „Reiche Leute, hübsche Leute, berühmte Leute... du würdest dich hier wohl fühlen!“, sagt Brett. Und bietet ihm einen Job an: „Assistant Art Director bei RAGE. Du hast Talent, du hast Leidenschaft, Ehrgeiz und die Rückendeckung eines berühmten Regisseurs, wenn ich das mal so sagen darf. Was hält dich auf?“ „Wie lange wäre ich hier?“, fragt Justin mit einem breiten Grinsen. „Sechs bis acht Monate, wenn alles nach Plan verläuft.“ In diesem Moment ruft Connor James: „Brettski!“ Die beiden umarmen sich, und Connor lädt sie ein, nachher noch zu sich nach Hause mit zu kommen. Aber Brett lehnt ab, er wolle hier ein paar Leuten seinen Erfolg noch reinreiben – „warum geht ihr beide nicht?“ Connor nickt lächelnd... Justin nickt, ebenfalls lächelnd... .

Ted und Emmett sind in der Wildnis gelandet: Es ist dunkel, es ist kalt, um sie herum weiden Kühe, von dem Ort keine Spur, Ted ist verzweifelt. Das ist der schlimmste Geburtstag, den er jemals hatte! Er wollte doch eigentlich teilen... er wollte reden! Sich alles von der Seele sprechen. Er dachte, Emmett könnte eine Karte lesen! „...dann erzähl’s mir.“ „Was?“ „Erzähl’s mir.“ „Was, hier?!“ Aber was bleibt ihm anderes übrig? Man braucht für ein Treffen ja sowieso nur zwei Leute, einen zum Reden, einen zum Zuhören. Emmett übernimmt die Rolle des Gruppenleiters und Zuhörers und zieht seinen Donut als Geburtstagskuchen hervor. Also beginnt Ted zu erzählen, erst zaghaft, dann aber immer liebevoller, immer entschlossener, wie schwierig dieser Weg war, wie viel Hilfe er erfahren hat... er hat Vertrauen in sich, er hat einen Sinn im Leben, er glaubt an sich, aber am meisten hat er seinen wundervollen Freunden zu verdanken, die zu ihm standen, ganz gleichgültig, was war. Eine Kuh muht zustimmen. Dann setzen sich Emmett und Ted nebeneinander auf einen Heuballen und teilen sich einen Donut. Doch die zufriedene Stimmung wird von einem heulenden Wolf unterbrochen. Meeting schön und gut – aber was zum Teufel tun sie jetzt?

Brian fällt unter den besorgten Blicken Michaels immer weiter zurück, bis vor ihm schließlich nur noch eine weite, endlose Straße zu sehen ist, umgeben von kahlen Bäumen und grauen Wolken. Mit zusammengebissenen Zähnen kämpft Brian sich voran, sieht erst sich selbst am Straßenrand stehen, mit verschränkten Armen und hochgezogener Augenbraue, dann Justin, der ihn strahlend anfeuert, auf und ab hüpft vor Begeisterung, ihm zujubelt! Schließlich kommt doch noch jemand in Sicht, der ihm aber entgegen fährt: Es ist Michael. Als er Brian erreicht hat, halten sie am Straßenrand, damit dieser sich eine Zigarette anzünden kann. „Das reicht, ich rufe einen Notwagen.“ „Einen Scheiß wirst du tun. Fahr mit deinem Ehemann.“ „Und dich allein lassen? Keine Chance, ich bleibe hier. Du hast schon alles geschafft, Geld für das Hospiz gesammelt, allen bewiesen, wie stark du bist, was willst du noch mehr?!“, fragt Michael ratlos, und wütend. Es schmerzt ihm offenbar, seinen Freund so leiden zu sehen. Brian erzählt ihm mit der Kippe zwischen den Lippen, völlig atemlos, er habe einmal diese Geschichte im Fernsehen gesehen, von Frauen, die alle Krebs hatten, in ein Militärcamp gingen und sich da bis zur Erschöpfung misshandeln und herum scheuchen ließen. Doch da kam eine aus einem Sumpf gekrochen, der wohl nur so von Krokodielen wimmelte – und sie lachte. Die lachte, und sagte : „Wenn ich das hier überlebe, dann kann ich alles überleben!“ Michael nickt. Schweigt kurz. „Na dann los.“ Er gibt Brians Fahrrad einen kräftigen Schubs. „Komm schon!“ Und die zwei Freunde fahren Seite an Seite weiter, langsam, aber stetig.

Justin unterhält sich am Morgen mit Brett: „Und, hat sich Connor gut um dich gekümmert?“ „Oh ja. Er ist sehr nett“, antwortet Justin und nimmt sich Kaffee und ein Brötchen, es ist offensichtlich, was letzte Nacht geschehen ist. „Und heiß.“, fügt Brett zu – und fragt, ob Brian von Justins ‚außerehelichen’ Aktivitäten wüsste. „Wir sind nicht verheiratet. Brian hasst Hochzeiten.“ „Interessanter Standpunkt, wo doch alle Schwuchteln dieser Welt vor den Traualtar rennen und ‚Ja’ sagen wollen.“ Justin zuckt mit den Schultern. “Wir sagen lieber ‚nein’ und sind zusammen, weil wir es wollen, nicht, weil wir müssen.“ Brett lächelt: „Wie rage-isch.“ Justin grinst und geht, um seine Sachen zu packen, sein Flieger geht in einigen Stunden, dreht sich aber dann noch einmal um: „Ich habe über dein Angebot nachgedacht. Ich weiß es wirklich zu schätzen.“ „...aber?“, fragt Brett. „Es gibt kein aber“, antwortet Justin breit lächelnd. „Ich nehme es an. Ich werde zurückkommen.“

Ted und Emmett haben sich verirrt. Sie sind beide schlecht gelaunt – Em musste ohne Kaffee aufstehen und hat auf Ted geschlafen. Ted glaubt, er wird sterben. Sie werden verhungern. Von einem Bären gefressen werden! Tatsächlich gibt Ted Emmett die Erlaubnis, ihn zu essen, falls sie nie wieder nach Hause finden sollten. Doch in dem Moment kommen sie an eine asphaltierte Straße – und Emmett hört etwas. Er legt sich mit dem Ohr auf den Boden, wie die alten Indianer es getan haben. „Wäre es nicht simpler, einfach zu gucken?“, fragt Ted, die Augen auf das eine Ende der Straße gerichtet. Denn just in diesem Moment biegen eine Menge in Regenbogenfarben geschmückte Fahrräder um die Ecke und klingeln freundlich zu ihrer Begrüßung – sie haben den Liberty Ride wiedergefunden! Lachend steigen die beiden Freunde auf ihre Räder während, Oh Happy Day im Hintergrund beginnt. Sie waren also doch die ganze Zeit auf dem richtigen Weg.

An der Ziellinie Zuhause in Pittsburgh herrscht bereits reges Treiben! Debbie verteilt Trank und Speisen, und als die ersten ihrer Jungs ankommen begrüßt sie diese herzlich: Ted und Emmett fassen ihre Reise damit zusammen, sie hätten sich den Arsch abgefroren aber haben Tränen in den Augen, als sie sich umarmen. Auch Justin kämpft sich durch die Menge. „Da ist ja doch ein wenig Sonnenschein, direkt aus Hollywood!“, ruft Debbie laut und schließt ihn fest in die Arme. So erfährt er auch, dass Brian mitgefahren ist – als hätte er es nicht erwartet – und, dass Brian sich verletzt hat! Und, dass er trotzdem darauf bestand, weiterzumachen. Während Debbie freudig Schwiegersohn und Pflege-Enkel-Sohn begrüßt, die erzählen, dass Michael bei Brian ist, schaut Justin besorgt über die Ziellinie hinaus die Straße entlang. „Sie müssten jeden Augenblick hier sein“, versichert Ben.
Der Augenblick wandelt sich zu Stunden. Schnee bedeckt die Straßen und die Nacht hat sich über Pittsburgh herabgesenkt, die Straße ist leer, nur noch der Liberty Ride Banner über der Ziellinie erinnert im Schneefall an das Ereignis des Nachmittags. Aber Debbie, Justin, Ben und Hunter stehen immer noch wartend an der Ziellinie, als einsame kleine Gruppe. „Vielleicht sollten wir sie suchen gehen“, schlägt Justin vor, da Ben die beiden immer noch nicht auf dem Handy erreichen kann, aber da ruft Hunter auf einmal: „Da!“ Zwei dunkle, furchtbar verloren wirkenden Gestalten biegen auf ihren Fahrrädern um die Straßenecke und schleichen auf die Ziellinie zu. Michael stützt Brian, der anhält, seine Füße fallen von den Pedalen, sein Kopf sinkt auf den Lenker. Michael streichelt seinen Rücken. „Wir sind fast da.“ Brians Stimme ist längst nur noch ein heiseres Flüstern: „Ich kann’s nicht. Ich kann’s nicht...“ Justin will zu ihm, doch Debbie hält ihn auf, „warte!“ Er sieht beinah krank vor Sorge aus, als Michael seinem Freund zuflüstert: „Komm schon. Wir sind fast da.“ „Scheiß drauf“, entgegnet Brian –doch da entdeckt er Justin, der mit schrecklich besorgtem Blick zu ihm schaut. Brian setzt seine Füße wieder auf die Pedale. Er tritt nur zögerlich, das Fahrrad strauchelt, doch er fährt, langsam, unendlich langsam, Michael hält einen Arm ausgestreckt, um ihn zur Not aufzufangen. Ben, Hunter und Justin beginnen, sie anzufeuern, „kommt schon!“, „nur noch ein kleines Stück!“, und Justin muss Brian festhalten, als der endlich die Ziellinie überquert, während Debbie ihren Sohn umarmt. „Ich könnte dich hierfür umbringen!“, sagt Justin Brian. Ben erzählt Michael, er hätte schon gedacht, Michael wäre zum Krankenhaus gefahren. „Es war nur halb so schlimm, Brian geht’s gut.“ Ben lächelt nur „Das habe ich nicht gemeint. Lindsay hat vor einer Stunden angerufen. Du bist Vater.“

Im Krankenhaus nimmt Michael seine bildhübsche Tochter zum ersten Mal in den Arm, und sie damit einer völlig erschöpften Melanie ab. „Die Geburt dauerte 14 Stunden“, erklärt Lindsay, die selbst etwas müde wirkt. Michael scheint wie verzaubert von diesem wunderschönen Geschöpf. „Habt ihr euch schon einen Namen ausgesucht?“ Melanie lächelt: „Vorausgesetzt, dass alle drei Elternteile einverstanden sind, dachte ich an Jenny Rebecca.“ Niemand hat etwas dagegen einzuwenden. Ben zückt seine Kamera und macht ein Foto von Michael und JR, dann eins von Lindsay, Melanie, Michael und JR und zuletzt eines von den glücklichen Müttern mit ihrem Kind. „Rückt näher zusammen.“ Lindsay setzt sich neben Mel aufs Bett. „Näher.“ Legt einen Arm um sie. „Näher.“ Und ihre Wange an Melanies. Sie lächeln beide, als Ben das Foto macht: „Das solltet ihr euch einrahmen lassen.“

Im Diner serviert Debbie einen Eisbecher nur zu Ehren ihrer neuen Enkelin, auch Ted und Emmett, die es vorziehen, zu stehen, und sich über ihr Gewicht unterhalten: „Ich habe sieben Pfund verloren“, sagt Emmett. „Ich nur fünfeinhalb. Ich hätte es ohne dich auch nicht geschafft. Den Liberty Ride.“ „Ach, was. Natürlich hättest du.“ Ted grinst über den Eisbecher, den sie sich teilen. „Vielleicht. Aber ich hätte es viel lieber mit meinem besten Freund zusammen getan.“ Er lächelt zufrieden – bis Emmett ihm die einzige Kirsche vor der Nase wegschnappt!
Debbie wird von Carl überrascht, der ihr ein T-Shirt überreicht: „Ich liebe meine Enkeltochter.“ Dann fragt er sie, was für eine Hochzeit sie gerne hätte. Klein, groß, drinnen, draußen, was auch immer sie möchte, es soll ganz nach ihr gehen! „Egal, was ich will?“ „Ganz egal!“ Debbie holt tief Luft und antwortet: „Dann möchte ich gar nicht heiraten, Carl. Und zwar nicht, weil ich dich nicht liebe, denn Gott weiß, wie sehr ich das tue! Aber wie kann ich heiraten, wenn mein eigener Sohn es nicht kann? Solang der Präsident die Verfassung noch ändern und all den wundervollen Schwulen und Lesben die Rechte verweigert, die du und ich haben.“ Carl sieht aus, als sei er am Boden zerstört: „Das ist sehr nobel von dir, Liebes, aber du bist doch nur ein Mensch!“ „Manchmal ist das alles, was es braucht. Denk an Gandhi.“ Sie kann ihm jedoch einen Gegenvorschlag machen, sozusagen den Trostpreis: „Was hältst du davon, wenn wir zusammen wohnen würden? In Sünde.“ „Sind wir dafür nicht zu alt?“ Debbie lacht: „Ich hoffe nicht!“ Carl umarmt sich glücklich!

Melanie ist verzückt von ihrem Kind, sogar das Stillen scheint ihr Spaß zu machen – bei Gus und Lindsay war das nicht so – Gus war ein Energiebündel. Mel scherzt mit Lindsay, beide lachen fröhlich, für einen Moment scheint alles in bester Ordnung. „Wir haben ohne Zweifel die schönsten Kinder, die Gott je geschaffen hat“, sagt Mel mit einem liebevollen Blick auf ihre Tochter. „Das werde ich nicht abstreiten“, lächelt Lindsay. „Zur Abwechslung mal.“ Mel rutscht das heraus bevor sie es merkt, und schon ist die gute Stimmung hinüber. Es hätte sein können wie damals bei Gus, als sie so glücklich waren... aber das ist es nicht. Die Schwester kommt und nimmt ihre wunderschöne Tochter mit, damit sie schlafen kann, und auch Lindsay nimmt ihren Mantel. Sie sagt Mel, sie habe ihr eine Liste von Kindermädchen vom Center zusammengestellt und auch Dusty meinte, Mel könne sie jederzeit anrufen, wenn sie etwas brauche. „Und du?“, fragt Melanie. „Du gehst jetzt wirklich?“ Lindsay sieht sie hoffnungsvoll?, müde?, an: „Darauf haben wir uns doch geeinigt... oder?“ Melanie zögert. Sie zögert lange. Doch dann nickt sie. Und Lindsay geht.
Noch vor drei Jahren saßen sie mit all ihren Freunden und ihrer kleinen Familie glücklich zusammen in diesem Krankenhaus, und es war der schönste Tag ihres Lebens; nun ist Melanie ganz allein in ihrem leeren Zimmer. Es ist vorbei.

Tannis und Philipp übergeben vor Publikum dem Leiter des Hospizes den Scheck über mehr als 400.000 Dollar! „Wir danken jedem, der mitgemacht hat, jedem, der geholfen hat, jedem der Sponsoren gefunden hat!“ Und alle sind sie da, Emmett und Ted, Michael, Ben und Debbie, Rodney, Brian und Justin. „Zu Ehren eines kürzlich verstorbenen Freundes, eines geliebten Menschen und Wohltäters, wurde Liberty House ein neuer Name geschenkt!“ Sie ziehen den Vorhang von dem neuen Schild, auf dem stolz folgender Name prangt: „Vic Grassi House.“ Debbie bricht gleich in Tränen aus, Michael sieht aus, als würde er ohnmächtig werden, Ted umarmt Rodney, Justin wirft Brian diesen wissenden Blick zu, einer nach dem anderen küssen sie Debbie auf die Wange, bis schließlich nur noch Brian allein dort steht. Debbie geht zum ihm: „Du hast sie dazu gebracht, das zu machen, oder?“ „Wir sind wieder in Amerika, Deb. Hier kann man für Geld alles kaufen.“ „Und ausnahmsweise war es etwas Gutes.“ Debbie streichelt sanft sein Haar, bevor sie ihre Arme um Michael legt, der einige Meter entfernt steht: „Dein Onkel wäre so stolz.“ „Schade, dass er nicht hier ist, um es zu sehen.“ „Er sieht es.“ Auch Brian schaut sich das Schild an, den Kopf an einen Laternenpfahl gelehnt.

Im mit weißen Tüchern dekorierten Babylon geht es für ihn gleich weiter: Überall (sehr) nackte Gogo-Tänzer, schwules thumpa thumpa, alle Männer in Weiß oder Schwarz, und in der Mitte Brian, und Sex, Sex, Sex. Bloß Vic, der auf einmal aus der Menge auftaucht und auf ihn zukommt stört da ein wenig. Wie magisch werden sie über die Köpfe der tanzenden Masse hinweggehoben. „Und, wurde ich von meinen Sünden befreit?“, fragt Brian scherzhaft. „Das würde eine Ewigkeit dauern“, antwortet Vic, „aber du kriegst höllensicher ein paar Punkte für den guten Willen.“ „Bitte sag nicht Hölle.“ Vic lacht: „Übrigens, ich gebe dir Recht: Ich hatte Glück, diese vier extra Jahre bekommen zu haben. Klar, ich hätte gerne mehr gehabt, aber wer denn nicht? Du dagegen... auf dich warten noch viele, viele weitere.“ „Ja? Hat Gott dir das gesagt?“ „Er hat es Judy gesagt, und Judy mir.“ „Judy...?“ „Garland.“ „Du meinst, Gott ist eine Schw...“ Aber Vic unterbricht ihn: „Du hast das nicht von mir!“ Dann klopft er Brian auf die Schulter, und der wacht schmerzerfüllt stöhnend auf.
Er liegt auf dem Loftboden, sein Arm in der Schlinge. „Geht’s dir gut?“, fragt Justin, und legt sich neben ihn. „Wird schon wieder.“ Justin erzählt ihm von seiner Zeit in Hollywood – beziehungsweise, wen er gefickt hat und Brian lacht. „Scheint als hättest du ein großartiges Abenteuer erlebt.“ „Scheint, als hättest du das auch“, entgegnet Justin. Brian erzählt ihm, dass er während des Fahrradfahrens eine Menge Zeit hatte, nachzudenken, darüber, was er anders machen würde, wenn er Krebs überlebt – und das Schlafen in einem Zelt. „Erstens werde ich das Schlafzimmer umgestalten, und dieses Ding über dem Bett rauswerfen.“ Justin steht wieder auf, das war offensichtlich nicht das, was er erwartete. Auch Brian quält sich hoch: „Zweitens möchte ich mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen. Er kommt jetzt in ein Alter, in dem er starken maskulinen Einfluss braucht – vor allem wenn er von zwei Lesben erzogen wird: Armani, Gucci, Prada, nicht nur Football und Motor-Tuning.“ „Ohne Frage“, Justin setzt sich an die Küchentheke und schlägt eine Zeitschrift auf. „Noch weitere Entscheidungen?“ „Ich will, dass du wieder einziehst.“ „Hm?“, fragt Justin. „Ich habe gesagt, ich hätte es gerne, wenn du und ich zusammen leben würden.“ Justin lacht: „Machst du mir etwa einen Antrag?“ „Natürlich nicht! Dieses Hin- und Hergerenne von hier zu Daphnes Wohnung ist einfach unpraktisch – letzte Woche erst musstest du ein Paar meiner Socken leihen, weil du deine vergessen hattest. Und was die Zeit angeht, in der du nicht hier bist... mir würde es nicht allzu viel ausmachen, wenn doch hier wärest.“ Justin lächelt: „Seit der ersten Nacht, an der du mich hierher gebracht hast, habe ich darauf gewartet, dass du mich das fragst.“ Brian nickt und streichelt neckisch durch Justins Haar: „Also, was ist deine Antwort? Soll ich in meinen Schublanden Platz für deine Sachen machen?“ Er schreitet davon, und Justin starrt auf die Küchenablage. Einen schlechteren Zeitpunkt für diese Bitte hätte es wohl nicht geben können.

Michael setzt sich auf. Er kann einfach nicht einschlafen. „Ben? Ben?“ „Ich bin wach, ich bin wach! Jetzt auf jeden Fall“, murmelt sein Mann verschlafen. „Alles in Ordnung?“ Michael sagt, er sei wohl einfach zu aufgeregt... der Liberty Ride, und das Baby, und die Hochzeit... „Oh ja“, Ben lächelt, „kannst du dir vorstellen, dass wir wirklich verheiratet sind?“ Michael sieht ihn zweifelnd an: „Sind wir das denn? Wirklich? Ich meine, wir sind hier nicht mehr in Kanada. Ist es dann auch hier wirklich?“ Ben setzt sich auf, schon wacher: „Lass mich dir eine Frage stellen: Selbst, wenn es nur für einen Tag wirklich gewesen ist, war es das wert?“ Michael braucht gar nicht zu antworten, nur zu lächeln. „Es wird auch hier passieren“, fährt Ben fort, „und wir werden daran teil haben.“ Sie küssen sich, und Michael weiß sich zu beklagen: Sie hatten ja eigentlich noch keine richtige Hochzeitsnacht. „Oh doch, auf unseren kleinen Luftmatratzen, in unserem kleinen Zelt...“ „Ich glaube, das können wir besser“, erwidert Michael, und das können sie. Bens Hände streichen über Michaels Rücken, sie knien auf dem Bett, die Ringe berühren die Haut des anderen, Michaels Hand wandert Bens Oberschenkel entlang, sie küssen sich, als die Sonne aufgeht und den Raum in rotgoldenes Licht taucht, ihre Gesichter, ihren Kuss und ihre Hände beleuchten, die übereinander liegen, vereint in Liebe. Das Metall an ihren Fingern leuchtet in den Strahlen des heranbrechenden, neuen Morgens.

“Somewhere over the rainbow way up high
There’s a land that I heard of once in a lullaby

Somewhere over the rainbow skies are blue
And the dreams that you dare to dream really do come true

Someday I’ll wish upon a star and wake up where the clouds are far behind me
Where troubles melt like lemon drops, away above the chimney tops
That’s where you’ll find me

Somewhere over the rainbow blue birds fly
Birds fly over the rainbow why then oh why can’t I?
If happy little blue birds fly across the rainbow
Why oh why can’t I?”

Me First and the Gimme Gimmes – Somewhere over the Rainbow, Endlied



Ende der vierten Staffel von Queer as Folk



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